Elfengeschichte
von Christine, 13 Jahre; Sie schrieb diese Geschichte als Schluss für die von Kindern vorbereitete „Wanderung durch Raum und Zeit“

Ihre Sicht war vernebelt, ihre Gedanken ebenso. Fragen schossen ihr durch den Kopf, seltsame fragen. „Wo bin ich? Was bin ich? Wer war ich? Wer bin ich?“ Ohne es zu bemerken sprach sie diese Worte laut aus. „Solche Fragen stellt sich doch kein Mensch. Außer… außer er war noch eben ohnmächtig.“

Auf einmal bemerkte sie, dass sie durch einen dichten Wald lief. Ihre Füße hätten längst wehtun müssen, doch sie taten es nicht. Sie lief immer tiefer in den Wald, durch das Unterholz während ihre Arme und Beine von Dornen aufgerissen wurden. Sie rannte, ohne sich ausruhen zu müssen, ohne sich überhaupt ausruhen zu können, einem Ort entgegen, der von ihr besucht werden wollte.
Vor ihr erstreckte sich eine kleine Lichtung, in ihrer Mitte sprudelte fröhlich ein kleines Rinnsal aus dem Boden. Dahinter standen gestalten, die menschenähnlich, aber sofort als Nichtmenschen zu erkennen waren. Sie waren hochgewachsen, schlank, hatten schöne Gesichter, schwarze oder silberblonde Haare und jeder einzelne von ihnen wirkte auf seine eigene Art und Weise perfekt schön.
Eine dieser Gestalten begann zu sprechen: „Seid gegrüßt, junge Lady Aileen! Wir haben lange auf Eure Rückkehr gewartet, denn niemand besucht uns nur einmal. Doch ich sage Euch, dass Ihr in diesem Traum neue Träume träumen müsst.“
Sie erinnerte sich, ihr Name war Aileen, sie hatte einst im Traum diesen Ort besucht und ihr einziges Lebensziel war die Rückkehr hierher gewesen. Nur eins wusste sie nicht, warum wollte sie unbedingt hierher?
Sie öffnete den Mund. Erst dachte sie, sie müsse doch eigentlich vor Verwunderung nicht sprechen können. Dann konnte sie zu ihrer eigenen Verblüffung doch fragen: „Was heißt das? Bin ich in einem Traum? Warum wollte ich hier hin? War ich bereits einmal hier?“
„Halt, halt!“ sagte der Sprecher der Elfen, denn solche waren die Wesen, die dort standen. „Ihr sprecht Eure Fragen schneller aus, als ich sie beantworten kann. Doch das heißt nicht, dass ich nicht antworten werde. Ihr habt Recht, Ihr seid in einem Traum, doch die Quelle der Träume existiert nicht nur hier. Der einfachste Weg hierher zu gelangen liegt in den Träumen. Dieser Ort, das heißt, die Quelle rief Euch, weil Ihr ihr Bedeutung gabt.“
„Ich verstehe nicht. Wie gab ich dieser Quelle Bedeutung?“
„Als Ihr damals zum ersten Mal hier wart, verliebtet Ihr Euch in Herrn Saloran. Ihr verbrachtet eine lange Zeit miteinander und wart glücklich. Doch dann erfuhrt Ihr, dass Ihr nicht ewig hier weilen könnt. In Eurer Trauer um den bevorstehenden Verlust kamt Ihr hier her und Eure Tränen verbanden sich mit der Quelle. Lange lagt Ihr dort bis der Traum Euch verließ, er folgte Euren Tränen ins Wasser. Seitdem ist dies hier die Quelle der Träume. Desnachts reinigen wir sie von den bösen Träumen, doch solange in Euch noch Trauer lebt, werden immer böse Träume leben.“
„Irgendjemand sagte einst zu mir, dass die Zeit alle Wunden heilt, und das tut sie auch. Jedes Wesen vergisst, ob Mensch oder Elf oder Tier. Die Zeit ist nun reif zu vergessen und die Trauer zu töten.“
Langsam veränderte sich Aileen. Sie wurde blass und durchscheinend, bis nur noch ein Schimmer die Luft erhellte, der zum Himmel aufstieg. Aileens Traum ist vorbei, aber wir können noch träumen und genauso glücklich werden wie Aileen.

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